Meditativ wandern
Etappe 9 von 12 · Stille3 Min. LesezeitAktualisiert am
Gehen ist die älteste Meditation der Welt. Pilger, Mönche und Dichter haben es gewusst: Wer lange genug geht, wird innerlich still. Heute gibt es eigens angelegte Besinnungswege – und ein paar einfache Regeln, wie aus einer Wanderung eine Übung wird.

Was aus einer Wanderung eine Meditation macht
Der Unterschied liegt nicht im Weg, sondern in der Aufmerksamkeit. Bei einer gewöhnlichen Wanderung spricht man, plant die nächste Rast, schaut aufs Handy. Beim meditativen Gehen richtet man die Aufmerksamkeit bewusst auf das, was gerade geschieht: die Schritte, den Atem, die Geräusche des Waldes. Es ist die Gehmeditation aus dem Kurs, nur unter freiem Himmel.
Drei Vereinbarungen helfen, besonders zu zweit oder in der Gruppe:
- Eine Strecke im Schweigen. Zum Beispiel die erste halbe Stunde oder bis zur nächsten Bank.
- Langsamer als gewohnt. Nicht schleichen, aber so, dass man jeden Schritt spüren kann.
- Kein Ziel außer dem Weg. Gipfel, Kilometer und Zeiten spielen heute keine Rolle.
Der Seelenpfad bei Herzberg
Ein schönes Beispiel für einen Besinnungsweg liegt am Südrand des Harzes. Der Seelenpfad bei Herzberg ist nach Angaben des Nationalparks Harz ein etwa 1,2 Kilometer langer Rundweg durch Buchenwald. Er beginnt am Wandertreff Herzberg am Waldeingang bei der Klinik und ist mit einem Buchenblatt markiert. Unterwegs laden Bänke und Tafeln mit Gedichten und Sinnsprüchen zum Innehalten ein. Für die Runde rechnet man etwa eine Stunde; der Weg gilt als leicht und ist auch für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen gedacht, für Rollstühle und Kinderwagen allerdings nur bedingt geeignet.
Solche Wege zeigen, worum es beim meditativen Wandern geht: Die Strecke ist kurz, das Tempo langsam, und die Stationen unterbrechen das Gehen, bevor es zur Leistung wird. Aktuelle Informationen zu Anfahrt und Zustand gibt die Seite des Nationalparks.
Waldbaden
In Japan warb die Forstbehörde in den 1980er-Jahren für Shinrin-yoku, wörtlich „Baden in der Waldatmosphäre“. Gemeint ist ein langsamer, aufmerksamer Aufenthalt im Wald, bei dem alle Sinne beteiligt sind. Studien, vor allem aus Japan und Korea, berichten über niedrigere Pulswerte und weniger Anspannung nach Waldaufenthalten; wie viel davon auf den Wald selbst und wie viel auf Bewegung und Ruhe zurückgeht, ist schwer zu trennen. Angenehm ist es in jedem Fall.
Pilgern
Das Pilgern ist die lange Form des meditativen Gehens. Auf den Jakobswegen, die auch durch Niedersachsen und Hessen führen, wandern heute viele Menschen ohne religiösen Hintergrund. Sie suchen, was schon mittelalterliche Pilger fanden: den Rhythmus der Tage, das Loslassen des Alltags, Begegnungen am Weg. Wer das ausprobieren möchte, muss nicht gleich nach Santiago aufbrechen. Ein Wochenende auf einem regionalen Pilgerweg genügt für den Anfang.
Gehen durch das Jahr
Draußen spürt man den Jahreskreis unmittelbar: das erste Grün um Ostara, die langen Abende um Litha, den Nebel um Samhain. Ein fester Spaziergang zu jedem der acht Feste ist eine einfache Art, das Jahr bewusster zu erleben.