Meditation und Gebet
Etappe 5 von 12 · Stille3 Min. LesezeitAktualisiert am
Meditation wird oft als etwas Östliches wahrgenommen. Dabei kennt auch das Christentum eine lange Tradition stiller, wiederholender Gebetsformen – und viele Religionen nutzen dieselben Hilfsmittel: Atem, ein kurzes Wort und eine Schnur mit Perlen.
Gebet und Meditation – ein Unterschied?
Vereinfacht gesagt richtet sich ein Gebet an ein Gegenüber, an Gott oder eine göttliche Macht, während Meditation zunächst nur die eigene Aufmerksamkeit schult. In der Praxis verschwimmt die Grenze. Ein Gebet, das hundertmal still wiederholt wird, wird zur Meditation. Und viele Menschen erleben tiefe Meditation als eine Form von Gebet – als Hören statt Reden.
Das Herzensgebet
In der orthodoxen Kirche wird seit dem frühen Mittelalter das Jesusgebet gebetet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.“ Mönche in der Bewegung des Hesychasmus – von griechisch hesychia, Ruhe – verbanden die Worte mit dem Atem und dem Herzschlag. Bekannt wurde die Praxis im Westen durch die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ aus dem 19. Jahrhundert, in denen ein Wanderer das immerwährende Gebet lernt.
Heute wird das Herzensgebet in vielen Kursen einfacher geübt: Beim Einatmen ein Wort, beim Ausatmen ein zweites, etwa „Jesus – Christus“ oder „Du – in mir“.
Kontemplation und Centering Prayer
Die westliche Kirche kennt die Kontemplation als stilles Verweilen vor Gott, beschrieben von Mystikerinnen und Mystikern wie Teresa von Ávila oder dem unbekannten Verfasser der „Wolke des Nichtwissens“ im 14. Jahrhundert. In den 1970er-Jahren griffen Trappistenmönche in den USA um Thomas Keating diese Tradition auf und entwickelten das Centering Prayer: zwanzig Minuten Stille mit einem „heiligen Wort“, zu dem man zurückkehrt, wenn Gedanken kommen. Die Nähe zur Sitzmeditation ist offensichtlich.
Perlen in vielen Religionen
Gebetsketten gehören zu den ältesten meditativen Hilfsmitteln. Die Finger haben etwas zu tun, und man muss nicht zählen.
| Tradition | Name | Perlen (üblich) |
|---|---|---|
| Hinduismus, Buddhismus | Mala | 108 |
| Katholische Kirche | Rosenkranz | 59 (fünf Gesätze) |
| Islam | Misbaha / Tasbih | 99 oder 33 |
| Orthodoxe Kirche | Tschotki (Knotenschnur) | 33, 50 oder 100 |
Im Islam dient die Kette dem Dhikr, dem Gedenken Gottes durch Wiederholung seiner Namen oder kurzer Lobpreisungen. Im Sufismus kann der Dhikr gemeinsam, rhythmisch und mit Bewegung vollzogen werden – ein Übergang zur Tanzmeditation.
Für Menschen ohne Religion
Man muss nicht glauben, um von diesen Formen zu lernen. Die Verbindung aus Wort, Atem und Wiederholung funktioniert auch mit einem weltlichen Satz. Wer freundliche Wünsche statt eines Gebets sprechen möchte, findet sie in der Metta-Meditation; wer lieber singt, im Beitrag Ein Mantra singen.