Ein Mantra singen
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Manche Menschen finden Ruhe nicht im Schweigen, sondern im Klang. Ein Mantra – eine Silbe, ein Wort oder ein kurzer Vers, der immer wieder wiederholt wird – gibt dem wandernden Geist etwas, woran er sich halten kann.

Was ein Mantra ist
Das Sanskritwort mantra wird meist als „Werkzeug des Denkens“ gedeutet. Gemeint sind heilige Silben und Verse, die in den Veden, im Hinduismus, im Buddhismus und im Jainismus rezitiert, gesungen oder still wiederholt werden. In ihrer Herkunft sind Mantras religiös; sie richten sich an eine Gottheit oder drücken eine Lehre aus. Im Westen werden sie heute auch ohne diesen Bezug als Konzentrationsanker genutzt.
Drei bekannte Mantras
- Om (Aum) gilt im Hinduismus als Urklang. Die Mandukya-Upanishad deutet seine drei Laute A–U–M und die Stille danach als Wachen, Träumen, Tiefschlaf und das, was darüber hinausgeht.
- Das Gayatri-Mantra ist ein Vers aus dem Rigveda (3.62.10), eine Bitte an die Sonnengottheit Savitr um Erleuchtung des Denkens. Es wird in Indien bis heute täglich rezitiert.
- Om mani padme hum ist das Mantra des Bodhisattva des Mitgefühls, Avalokiteshvara, und im tibetischen Buddhismus allgegenwärtig – auf Gebetsfahnen, Steinen und Gebetsmühlen.
Wer ein Mantra aus einer lebendigen Religion übernimmt, sollte seine Bedeutung kennen und es mit Respekt behandeln. Das ist keine Pflicht, aber eine Frage des Anstands.
Kirtan: gemeinsam singen
Beim Kirtan singt eine Vorsängerin oder ein Vorsänger eine kurze Zeile, die Gruppe antwortet. Die Melodien sind einfach, das Tempo steigert sich oft langsam und fällt am Ende in Stille. Kirtan stammt aus der Bhakti-Bewegung, der hingebungsvollen Gottesliebe Indiens; auch die Sikh-Tradition kennt gemeinsames Singen als zentrale Andachtsform. In westlichen Yogastudios ist Kirtan heute ein beliebtes Abendformat.
Eine europäische Entsprechung sind die Gesänge aus Taizé: kurze, oft lateinische Verse, die viele Minuten lang wiederholt werden. Das Prinzip ist dasselbe – Wiederholung, bis die Worte nicht mehr gedacht, sondern nur noch getragen werden.
Was beim Singen im Körper passiert
Singen verlängert die Ausatmung. Das allein wirkt auf viele Menschen beruhigend, weil ein langer Ausatem den Teil des Nervensystems anspricht, der für Erholung zuständig ist. Eine schwedische Studie mit Chorsängern fand 2013, dass sich beim gemeinsamen Singen langsamer Melodien die Herzfrequenzen der Sängerinnen und Sänger aneinander anglichen. Solche Befunde sind interessant, aber klein; sie erklären nicht alles, was Menschen beim Singen erleben.
Still wiederholen: Japa
Mantras müssen nicht laut sein. Beim Japa wird das Wort leise oder nur innerlich wiederholt, oft mit einer Gebetskette aus 108 Perlen, der Mala. Diese Form ähnelt stark dem christlichen Herzensgebet, das im Beitrag Meditation und Gebet beschrieben ist. Wer lieber ohne religiöse Worte übt, kann einen neutralen Satz wählen – etwa die Wünsche der Metta-Meditation.
Einstieg
Beginnen Sie mit einer Silbe, die Ihnen angenehm ist, und wiederholen Sie sie zehn Minuten lang im Rhythmus Ihres Atems. Wenn Sie abschweifen, kehren Sie zum Klang zurück, wie es der Beitrag Meditation: Zentrierung, Stille und Sein beschreibt. Gruppen und Kirtanabende finden Sie über Yogastudios, Volkshochschulen und Gemeinden.