Der Redekreis
Etappe 11 von 12 · Jahreskreis3 Min. LesezeitAktualisiert am
Eine Runde, ein Gegenstand, der weitergereicht wird, und eine einzige Regel: Es spricht nur, wer ihn hält. Der Redekreis ist eine der einfachsten Formen, in einer Gruppe ehrlich miteinander zu sprechen – und eine der wirkungsvollsten.
Der Redestab
Die bekannteste Form des Redekreises geht auf den Redestab zurück, englisch talking stick. Er ist für mehrere indigene Völker an der Nordwestküste Nordamerikas überliefert: Bei Versammlungen hielt die Person, die sprach, einen verzierten Stab; die anderen hörten zu, bis er weitergegeben wurde. Die Idee hat sich weltweit verbreitet. In Schulen, Mediationsverfahren, Frauenkreisen und Unternehmen wird heute mit Redegegenständen gearbeitet – mit einem Stein, einer Feder oder einem Stück Holz.
Wer den Brauch übernimmt, sollte seine Herkunft kennen und kein „indianisches Ritual“ nachspielen. Ein schlichter Gegenstand aus der eigenen Umgebung ist ehrlicher als ein nachgemachter Federstab.
Council: die vier Grundsätze
In den 1980er-Jahren entwickelten Jack Zimmerman und Virginia Coyle an der Ojai Foundation in Kalifornien die Praxis des Council. Sie verbanden Elemente verschiedener Traditionen mit Erfahrungen aus Schule und Gruppenarbeit und beschrieben sie 1996 im Buch „The Way of Council“. Vier Grundsätze bilden den Kern, hier sinngemäß wiedergegeben:
- Aus dem Herzen sprechen – von sich selbst, ehrlich, ohne Vortrag.
- Mit dem Herzen zuhören – ohne schon die eigene Antwort zu planen.
- Knapp bleiben – damit alle Raum haben.
- Spontan sein – nicht vorher zurechtlegen, was man sagen wird.
Dazu kommt fast immer die Vertraulichkeit: Was im Kreis gesagt wird, bleibt im Kreis.
So kann ein Redekreis ablaufen
- Alle sitzen im Kreis, möglichst ohne Tisch dazwischen. In der Mitte kann eine Kerze stehen.
- Die Leitung nennt die Regeln und ein Thema oder eine Frage, etwa: „Was hat dich in diesem Jahr genährt?“
- Ein kurzer Moment der Stille, zum Beispiel drei gemeinsame Atemzüge.
- Der Gegenstand wird im Uhrzeigersinn weitergegeben. Wer nichts sagen möchte, reicht ihn schweigend weiter.
- Nach einer oder zwei Runden endet der Kreis mit einer weiteren Stille oder einem Satz des Dankes.
Wirkung und Grenzen
Der Redekreis wirkt, weil er das übliche Gesprächsmuster unterbricht. Niemand kann unterbrechen, niemand muss sich verteidigen. Stille Menschen bekommen Raum, laute lernen zu warten. Gleichzeitig ist ein Redekreis keine Therapie. Wenn in einer Runde schwere Themen auftauchen – Gewalt, Suizidgedanken, akute Krisen –, braucht es eine Leitung, die weiß, wann sie das Gespräch außerhalb des Kreises fortsetzt und auf Hilfe verweist.
Wo Redekreise gut passen
Redekreise gehören zu vielen Festen im Jahreskreis, etwa zur Rückschau an Samhain oder zum Dank an Mabon. Sie sind auch ein Kernelement vieler Frauenkreise. Und sie verbinden sich gut mit einer kurzen gemeinsamen Metta-Meditation zum Abschluss.